Der Deauville Cocktail ist nicht nur eine Hommage an eines der berühmtesten Seebäder der Welt, sondern als Drink ist er vor allem ein großes Fragezeichen. Scheinbar ein Klassiker und dennoch recht unbekannt. Wir wollen das ändern, denn der Deauville Cocktail ist ein fabelhafter Drink, der seine französische Herkunft vortrefflich ausspielt und dabei äußerst chic, elegant und doch zeitgemäß daherkommt. Was hinter diesem Drink der 1930er Jahre steckt, erfährst Du hier in 7 Minuten. Oder du springst hier direkt zum Rezept.
Auf der Suche nach Geschichten – warum eigentlich der Deauville Cocktail?
Ehrlicherweise hatte ich den Deauville Cocktail keinesfalls auf dem Schirm. Bis mir mein sehr geschätzter Kollege Enrico Albrecht diese Rezeptur schickte. Wir waren auf der Suche nach klassischen Drinks mit einer guten Geschichte für einen Cognac-Workshop. Und eines steht fest: eine Geschichte kann man zum Deauville Cocktail erzählen.
Und da es scheinbar unmöglich ist, mehr über diesen Drink zu erfahren als ein paar nicht belegbare Vermutungen, füge ich dem Kosmos noch eine weitere hinzu. Vor allem jedoch ist es ein Grund, einem in Vergessenheit geratenen Drink und einer wundervollen Ortschaft am Meer etwas Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Der Deauville Cocktail und eine Menge Vermutungen
In schriftlicher Form findet sich der Deauville Cocktail scheinbar das erste Mal im legendären Savoy Cocktail Buch von Harry Craddock aus dem Jahr 1930. In dieser Rezeptsammlung der berühmten Londoner Bar finden sich reihenweise Klassiker und es ist die wohl relevanteste Cocktailsammlung Europas im 20. Jahrhundert.
Mir selbst ist keine Veröffentlichung bekannt, in der vorher der Deauville Cocktail abgebildet wird. Harry Craddock präsentiert einen Drink, der zu gleichen Teilen aus Brandy, Calvados, Cointreau und Zitronensaft besteht. Ein Vierteiler, dessen Struktur entfernt an einen SideCar erinnert, dessen Cognac-Basis einfach aufgeteilt und ein Hauch Normandie zugeführt wird.
Mit der Erwähnung im Savoy Cocktail Buch hört aber die historische Betrachtungsmöglichkeit quasi auf. Ich kann nicht nachvollziehen, wie die Autoren der anderen Artikel über den Deauville Cocktail – und so viele sind es nicht – immer darauf verweisen, dass dieser Drink wohl in den 1920er oder 1930er Jahren in New Orleans entstanden sein soll. Dafür gibt es scheinbar keine Belege.
Deauville – nicht nur ein Drink, sondern ein Synonym für Eleganz und mondänen Luxus
Darüber hinaus ist es von London eh viel einfacher nach Deauville zu gelangen. Jenem Ort an der Küste der Normandie, dem dieser Drink seinen Namen verdankt. Und dessen Geschichte für luxuriöse Naherholung steht, wie kaum ein anderer.

Dabei beginnt dieses betörenden Seebads mit ein paar Bauernhäusern, Dünen und einer Menge Sumpfland. Erst als der Bürgermeister der kleinen Ortschaft die Sümpfe an den Herzog Charles de Morny verkauft, beginnt eine Geschichte voller Eleganz und Reichtum.
Charles de Morny ist der Halbbruder Napoleon III. und hat es sich zum Ziel gesetzt, hier an der Küste des Ärmelkanals ein „Königreich der Eleganz“ zu errichten. Einen Ort, der für das etwas mehr als 200 Kilometer entfernte Paris zum Erholungs- und Sehnsuchtsort werden sollte.
Schon im Jahr 1864 wird das Casino eröffnet und es dauert nicht lange, da folgt Napoleon III dem Ruf seines Halbbruders und reist regelmäßig zur Erholung und zum Vergnügen nach Deauville. Mit ihm seine Entourage und alsbald die feine Gesellschaft der französischen Hauptstadt.
Pferdesport und eine Strandpromenade
Neben dem Casino und der Lage am Meer ist es vor allem der Pferdesport, der die Reichen und Schönen nach Deauville lockt. Im Jahr 1907 gründet sich der Deauville International Polo Club und einer der Gründungsmitglieder ist Baron Robert de Rothschild, dessen Leidenschaft für den Pferdesport ein Leben lang anhält. Und dessen Berühmtheit hilft, dem Club weitere illustre Mitglieder wie König Alfons XIII. von Spanien, Lord Louis Mountbatten, Sir Winston Churchill oder den Herzog von Edinburgh, zu verschaffen.
Neben dem Pferdesport liebt man es in Deauville am Strand zu flanieren. Eigens dafür wird im Jahr 1923 die Strandpromenade befestigt und einer der wichtigsten Zahlen der Stadt beziffert ihre Länge, denn auf 643 Metern flaniert die Haute Volée auf tropischem Edelholz. Doch die Strandpromenade von Deauville ist nicht nur einfach eine befestigte Promenade, sie ist eine cineastische Ikone und nach dem Casino und den Luxushotels der Place to be.
Und eines sei vorweg verraten: es wäre der perfekte Ort für einen Deauville Cocktail!
Stars, Sternchen und internationales Flair
Wenn man heute über die Strandpromenade von Deauville flaniert, so zieren die Umkleidekabinen die Namen von Hollywoodgrößen. Der Film ist aus der Stadt nicht wegzudenken, denn schließlich findet hier seit 1975 das American Film Festival statt, welches jedes Jahr Filmschaffende an die Küste zieht.
Doch die kommen schon länger. Seit den Tagen Napoleon III. hat sich ein regelrechter Deauville-Hype entwickelt. Durch die Eisenbahnverbindung nach Paris dauert es nicht lange und die gestresste Bevölkerung der Hauptstadt kann sich am Meer und im Luxus entspannen. Schnell wird Deauville zum 21. Arrondissement von Paris.

Auch internationale Gäste lieben die 4.000 Einwohnerstadt, die zur Hauptsaison bis zu 40.000 Gäste am Tag zählt.
Schon in den 1920er Jahren trifft man hier Josephine Baker und Gustave Flaubert. Coco Chanel oder Yves Saint Laurent sind ebenfalls regelmäßige Besucher.
Vor allem Coco Chanel ist mit Deauville verbunden, schließlich eröffnet sie hier im Jahr 1913 ihre erste eigene Boutique. Gefördert von Arthur „Boy“ Chapel – dem damaligen Direktor des Polo Clubs. Hier erlebt die Modeikone des 20. Jahrhunderts Ihren Durchbruch und wird durch die internationalen Gäste weltberühmt.
Der Deauville Cocktail
Auf Grund der internationalen Relevanz der Stadt erschließt sich die Vermutung, der Drink sein in den USA entstanden keinesfalls. Vielmehr scheint es, dass Harry Craddock in der Bar des Savoy Hotels in London, dem berühmten Kurort auf der anderen Seite des Ärmelkanals, einen Drink widmete – als Hommage an Deauville oder vielleicht nur, um seinem Drink die Aura des Luxuriösen zu verpassen. Die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.
Was wir aber erfahren oder besser erleben können, ist ein fantastischer Drink, dessen Ursprünge sehr eng verwandt sind mit dem SideCar – dessen ganze Geschichte wir hier aufgeschrieben haben.
Calvados und eine Hommage an die Normandie
Wenn wir von der Theorie der Abwandlung eines SideCars ausgehen, so teilt Craddock für den Deauville Cocktail einfach nur die Basisspirituose. Während im französischen Klassiker ausschließlich Cognac vermixt wird, findet sich im unbekannteren Vierteiler neben dem prestigeträchtigen Cognac auch Calvados. Und damit jene Spirituose, für welche die Normandie berühmt ist.
Wenn Du mehr über Calvados erfahren möchtest, dann empfehle ich Dir diesen Artikel.
Calvados gibt es in verschiedensten Qualitäten und die Appellationsgesetze sind vielschichtig. Da eine genaue Festschreibung dieser Gesetze – sowohl in Bezug auf Regionen als auch Herstellung – erst im Jahr 1942 erfolgt; wird an einigen Stellen dazu tendiert, ungereiften Calvados zu benutzen.
Die Idee einer ungereiften Spirituose ist spannend und somit probieren wir für unsere Deauville Cocktail einfach zwei Varianten aus.

Um der historischen Realität der eher rustikalen Qualität der Destillate vor 100 Jahren gerecht zu werden, verzichten wir auf einen enorm alten und im Pays d’Auge hergestellten Calvados und bedienen uns einer Spirituose, die aus der Basis-A.O.C. stammt. Ich habe noch eine Flasche eines fünfjährigen Calvados aus dem Hause Herout bei mit – die ich hier schon einmal verkostet habe; der in einer klassischen Kolonnen-Destillation, die schon seit zwei Generationen in der Familie genutzt wird ein Destillat erzeugt, welches nach Reifung eine tolle Balance aus Frucht, Energie und etwas Holz präsentiert.
Und wir greifen zu einer Flasche Christian Drouin La Blanche, um ein ungereiftes Eau de Vie aus Cidre im Deauville Cocktail zu erleben. Was hinter dieser besonderen Flasche steckt, erfährst Du hier.
Das Rezept Harry Craddocks
Für unseren Deauville Cocktail bleiben wir (fast) beim originalen Rezept aus dem 1930 erschienenen Savoy Cocktail Buch und vermixen in einem Shaker:
- 25ml Calvados oder Christian Drouin La Blanche
- 25ml Cognac – in diesem Fall entscheide ich mich für einen Rémy Martin 1738, da er auch für den klassischen SideCar meine Wahl ist
- 20ml Cointreau, dessen Geschichte ich hier aufgeschrieben habe
- 25ml frischer Zitronensaft
- 5ml Sirop de Gomme
Gut auf Eis shaken und alles doppelt in eine gekühlte Coupette abseihen
Im originalen Rezept werden alle Zutaten zu gleichen Teilen vermixt, doch ich teile die Süßequelle etwas auf. Dabei reduziere ich den Cointreau um 5ml um die gleiche Menge an Sirop de Gomme hinzuzugeben. Dieser mit gummi arabicum und Orangenblütenextrakt versetzte Zuckersirup erzeugt einfach eine unglaublich wundervolle Textur und schützt uns davor, dass der Deauville Cocktail zu einem säuredominierten Drink wird.
Den gleichen Trick wende ich im Übrigen auch bei meinem SideCar an.
Ein Drink für die Promenade und einer für das Casino
Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich beide Drinks sind. Also hinsichtlich ihrer aromatischen Wirkung. Wären der Deauville Cocktail mit dem Herout 5 sehr deutlich an einen SideCar erinnert und eine wundervoll komplexe Balance zwischen Säure, Frucht und dunkler Würze präsentiert, ist die Variante mit dem Christian Drouin La Blanche viel frischer, präziser und etwas eleganter.
Tatsächlich würde ich den ersteren eher am Abend in einer Bar genießen, vielleicht mit einer Zigarre im Pairing. Hingegen die zweite Interpretation nach Sommer und der berühmten Promenade schreit. Die Eleganz und frische des Apfels ist toll integriert, der Cognac bereitet der Leichtigkeit eine fantastische Bühne ohne sich in den Vordergrund zu spielen.
Die Varianz mit nur einer Zutat erzeugt Spielarten, die beide sehr viel Freude bereiten und definitiv einen Grund liefern, den Deauville Cocktail das nächste Mal zu probieren.
Man muss dafür nicht an die Küste fahren, aber man kann. Und sollte! Denn noch immer zählt Deauville zu den zehn meistbesuchten Städten Frankreichs und versprüht einen Charme und ein Flair, das sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht abgeschwächt hat.
Egal, für welche Variante Du dich entscheidest, der Deauville Cocktail ist ein perfekter Drink um den nächsten Urlaub zu Planen. In der Normandie. Mit mindestens zwei Tage mondänem Luxus an einem der schönsten Strände der Normandie.