Der Penicillin Cocktail gehört ohne Wenn und Aber zu den bedeutendsten Neo-Klassikern der Bar-Kultur. Seine Besonderheit liegt in der Einfachheit der Rezeptur und der Bedeutung der Zutaten. Wie der originale Penicillin-Cocktail gemixt wird, wie Du ihn am besten zu Hause mixen kannst und ob er wirklich ein Allheilmittel ist, das erfährst du hier in 5 Minuten.
Primus inter pares
Es gibt unzählige Drinks, die sich auf nahezu allen Barkarten dieser Welt finden lassen. Aus genau diesem Grund nennt man sie Klassiker. Die meisten davon erzählen Geschichten, die häufig durch mehrere Generationen von Barleuten variiert und immer wieder neu erzählt werden. Viele entstammen der Prohibition oder der Zeit davor – sind also 100 Jahre alt. Oder gar älter.
Nur wenige Drinks des 21. Jahrhunderts haben diesen Status jemals erreicht. Womöglich reichen da zwei Hände aus, um sie alle aufzuzählen. Mit Sicherheit zählt der Espresso Martini dazu, dessen Geschichte wir hier erzählt haben, und der aus Hamburg stammende Gin Basil Smash.
Der Penicillin Cocktail ist einer von Ihnen. Vielleicht sogar derjenige, der den meisten Ruhm bekam und bekommt.
Das Milk & Honey – wieder einmal
Der Ort des Entstehens des Penicillin Cocktails ist legendär: das Milk & Honey in New York City. Diese leider seit September 2020 geschlossene Bar ist eine der Keimzellen der Cocktail-Revolution des 21. Jahrhunderts und den Barleuten dieser Instanz verdanken wir Drinks wie den Paper Plane (mein Sommer-Drink des Jahres 2025), den Greenpoint sowie den Red Hook (beides Varianten des Brooklyn Cocktails) und eben jenen Penicillin Cocktails. Dieser ist jedoch „auch nur“ eine Weiterentwicklung eines schon damals populären Drinks der gleichen Bar: dem Gold Rush.

Es ist der australische Bartender Sam Ross, der 2005 – also vor nunmehr 20 Jahren – den Penicillin Cocktail aus dem, oben bereits erwähnten, Gold Rush entwickelt. Dieser ursprüngliche Whiskey Sour, dessen Süßequelle aus Honig besteht – eine einfache und damals bahnbrechende Innovation – ist die Grundlage für eine Neuschöpfung, die sich mittlerweile auf der ganzen Welt finden lässt.
Was so eine Lieferung an Scotch ausmacht
Der ursprüngliche Gold Rush war und ist bis heute ein Drink mit Bourbon. Doch eines schönen Tages erreicht das Milk & Honey die erste Lieferung einer Scotch Marke, die mittlerweile genauso legendär ist: Compass Box. Diese in London beheimatete Whisky-Firma wird 2000 gegründet und produziert vorwiegend Blended Scotch Whisky. Und das von herausragender Qualität.
Es sind der torfige Blend mit dem einprägsamen Namen Peat Monster sowie der als every-day Whisky gedachte Asyla (den es leider nicht mehr gibt). Damit beginnt Ross zu experimentieren und spielt mit der Rezeptur des damals schon sehr erfolgreichen Gold Rush herum. Und eigentlich macht er nichts großartig Kompliziertes. Er erweitert einfach die Süßebasis (im Gold Rush ist es nur Honig-Sirup) um den hauseigenen Ingwersirup. Das ist es. Eigentlich.
Aus lauter Begeisterung über die Intensität des Peat Monsters gibt er einfach einen Schluck dieses torfigen Scotches über den fertigen Drink. Und siehe da – innerhalb kürzester Zeit schafft er eine liquide Instanz. Ohne dass er es will. Und ohne dass es ihm anfänglich bewusst wird.
Die Einfachheit gewinnt
Diese Rezeptur ist vielleicht nicht banal, aber doch sehr einfach. Und wie wir gleich sehen werden, auch recht gut zuhause nachzumixen. Und genau darin liegt die Magie des Drinks. Und vielleicht auch der Schlüssel zum Erfolg vieler Drinks aus dem Milk & Honey. Sie alle eint ihre rezeptorische Einfachheit. Selbst die damals erfolgreichsten Bars der Welt – und zu denen darf das Milk & Honey ganz sicher gezählt werden – kommen ohne Raketenwissenschaft aus.
Der Drink, seine Geschichte und die Bar als solches waren wichtiger als technische Details.

Penicillin Cocktail und die schottischen Wurzeln
Das nun dieser einfache Twist auf einen Scotch Sour mit Honig nach einem der bedeutendsten medizinischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts benannt wird, lässt viele Interpretationen zu.
Eine sehr schöne Anekdote, die leider nicht zur Geschichte der Namensfindung gehört, ist der Fakt, dass der Entdecker des medizinischen Penicillins der Schotte Alexander Fleming ist. Auch nur durch reinen Zufall entdeckt er diese Pilze im Jahr 1928 und legt damit die Grundlage zur Rettung von Millionen von Leben, durch das daraus entwickelte Antibiotika.
Die schottische Verbindung ist Ross keinesfalls bekannt, doch wie kommt man auf die Idee, einem Drink diesen Namen zu geben?
Auch wenn Bartender und die Kunst des Mixens historisch dicht mit der Arbeit von Apothekern verbunden ist, so kommt für den Penicillin Cocktail eine kulturelle Kontextualität zum Tragen, die mir neu war. Allerdings mittlerweile sehr schlüssig erscheint.
Ein Drink wie eine … Hühnersuppe
In einem Artikel des Mixology Bar Magazins aus dem Jahr 2021 wird auf eine direkte Nachfrage an Sam Ross verwiesen, aus deren Antwort hervor geht, dass der Name sich von der Bezeichnung Jewish Penicillin ableitet. Und das ist im amerikanischen Kontext eine Bezeichnung für Hühnersuppe.
Verfolgt man diesen Ansatz, so findet man tatsächlich viele Belege für die Verwendung dieser Formulierung. Und eine ganz einfache, vor allem jedoch schlüssige Erklärung dazu:
Eine Hühnersuppe ist fast ein Allheilmittel, denn sie hilft gegen so vieles. Auch bei uns ist sie die erste Wahl, wenn die Erkältung zuschlägt. Sie gibt Wärme, Kraft, und viele Aminosäuren. Diese sind in einer bestimmten Anordnung die Grundstruktur des medizinischen Penicillins und laut einer im Jahr 2000 erschienen Studie sind sie u.a. der Grund für eine Entzündungshemmende Eigenschaft der Hühnersuppe.
Es ist schon dem jüdischen Philosophen Maimonides im 12. Jahrhundert bekannt, dass Hühnersuppe ein Allheilmittel ist und seit dieser Zeit wird die Suppe sowohl von Ärzten, aber noch viel wichtiger, von Großmüttern empfohlen.
„Die Namensgebung hat mit einer Hühnersuppe zu tun, Jewish Penicillin genannt. Es ist ein Allheilmittel, ein Heil-Tonikum. Es hilft, was immer dir fehlt. Es stärkt dich, wenn du dich gesund fühlst, und es hilft, wenn du Fieber bekommst. Mit den medizinischen Qualitäten von Islay Scotch, frischer Zitrone, Inger und Honig, habe ich gedacht, dass auch der Drink der Gesundheit förderlich sein kann“
aus dem Mixology-Artikel (siehe Link oben)
Honig-Ingwer-Sirup als Basis des Penicillins
Und um in der Bildlichkeit der Hühnersuppe zu bleiben, widmen wir uns in einem ersten praktischen Schritt der Basis des Drinks, seiner Brühe. Und das ist im Fall des Penicillin Cocktails die Süße aus Honig und Ingwer, denn sie gibt dem Drink seine besondere Relevanz.
Das Original besteht aus zwei getrennten Sirupen: dem Ingwer-Sirup und dem Honig-Sirup. Während der zweitgenannte in einem Verhältnis von 3 Teilen Honig auf 1 Teil Wasser sehr dicht daherkommt, wird der Ingwersirup aus frischem Ingwersaft (ein Entsafter hilft hier) im Verhältnis 1:1 mit Demerara-Zucker zu einem Sirup eingekocht.
Um den Drink realistisch daheim mixen zu können, empfehle ich einen kombinierten Sirup herzustellen.
Dafür wird 60 Gramm geschälter Ingwer in kleinere Stücke geschnitten (in der Größe einer 5 Cent Münze). In einem Topf kommen dann 200gr Honig und 100ml Wasser sowie der Ingwer. Dies kochst Du auf und lässt es anschließend für 4-5 Minuten simmer. Alles wird für 24 Stunden – zumindest aber über Nacht – ziehen gelassen. Anschließend gefiltert und abgefüllt ist dieser Sirup im Kühlschrank ca 1-2 Wochen haltbar.
Die herausgefilterten Ingwerstückchen eignen sich ganz hervorragend als Snacks, da sie am Ende kandiertem Ingwer sehr nahe kommen.
Penicillin Cocktail – Ein Rezept
Das grundsätzliche Rezept des Drinks ist dann recht einfach:
- 60ml Scotch Whisky
- 22,5ml frischer Zitronensaft
- 22,5ml Honig Ingwer Sirup
- 10ml rauchiger Scotch Whisky
Die ersten drei Zutaten alle auf Eis shaken und in einen Tumbler auf frisches Eis abseihen. Mit 10ml rauchigen Scotch floaten und eventuell mit einem Stückchen kandierten Ingwers garnieren.
Wichtig beim Penicillin Cocktail ist, dass man bei Trinken so nah wie möglich mit der Nase an den Drink kommt um den torfigen Whisky wahrnehmen zu können.
Es ist auch zu beachten, dass dieser unbedingt auf dem Drink liegen muss als oberste Schicht. Man kann einen Penicillin Cocktail natürlich komplett mit einem torfigen Whisky mixen, aber die Raffinesse dieses Drinks liegt zum großen Teil in dieser Schicht Rauch und Torf, durch die man sich hindurch schlürfen darf.
Verschiedene Wirkstoffe im Penicillin Cocktail
Der Vorteil an der strikten Trennung der beiden Whiskies in der Herstellung des Penicillin Cocktails liegt daran, dass man einfach zwei Flaschen Whisky benötigt und damit einen verdammt guten Grund hat. Vor allem in Bezug auf den Rauch.
Drei wirklich wundervolle Spielweisen des Penicillin Cocktails sind:
- Monkey Shoulder als Blended Scotch und Laphroaig 10 als rauchiger Whisky
- Dewars 12 als Blended Scotch und Ardbeg 10 als rauchiger Whisky
- Wer ein bisschen aus der Reihe tanzen möchte, der probiert das Ganze mit einem Cognac in der Basis: Rémy Martin 1738 und einem Port Charlotte 10 als rauchigen Whisky
Die Cognac-Variante ist natürlich etwas eigenwilliger – zumindest in der Theorie – aber die aromatische Grundstruktur des Rémy Martin 1738 eignet sich perfekt, um ab und an als Kuckucksei in eine Runde Whisky geschmuggelt zu werden.
Mit dieser Vorbereitung kann die Erkältungssaison kommen. Über die medizinische Wirkung des Penicillin Cocktails kann man vielleicht streiten – geschmacklich ist er aber mindestens so wundervoll, wie eine gekochte Hühnersuppe.
Der Penicilin Cocktail ist das perfekte Hustenbonbon für Whiskyliebhaber und ein ausgezeichneter Grund, die heimische Whiskybar mit mindestens einem neuen Islay Malt aufzustocken.