Es ist einer meiner absoluten Lieblingsdrinks, und zwar zu fast jeder Tageszeit: der Horse’s Neck. Diese einfache und doch zugleich perfekte Kombination aus wenigen Zutaten liefert den perfekten erfrischenden Drink. Nicht nur in der Bar, sondern auch ganz bestimmt zu Hause. Welche Geschichte sich dahinter verbirgt, warum ich dieses Getränk liebe und wie Du ihn ganz einfach zu Hause nachmixen kannst, erfährst Du hier in 6 Minuten.
Es gibt Drinks, die leben von spektakulären Zutaten oder Herstellungsweisen. Und es gibt Cocktails, die protzen nahezu mit einer glamourösen Geschichte. Und dann gibt es den Horse’s Neck. Seine Rezeptur liest sich einfach und ehrlicherweise vielleicht etwas langweilig: Bourbon oder Cognac, Ginger Ale und Zitronenzeste. Vielleicht noch etwas Bitters. Das war es: ein einfacher Longdrink. Doch mit diesen einfachen Zutaten erzeugt man einen Drink, der vielleicht das perfekte alkoholische Erfrischungsgetränk darstellt und fast schon in die Kategorie „everybody’s darling“ gehört. Denn der Horse’s Neck schmeckt fast jedem.
Es ist vor allem die feine Balance zwischen Würze, Frucht und milder Schärfe, die diesen Longdrink so großartig macht. Und die Tatsache, dass man nicht viel benötigt, um einen verdammt guten Horse’s Neck daheim zu mixen.
Der Horse’s Neck als alkoholfreier Werbedrink
Die Geschichte dieses Klassikers beginnt Ende des 19. Jahrhunderts in den USA. Eine erste schriftliche Erwähnung finden wir in der 1895 erschienenen Rezeptsammlung „Modern American Drinks“ von George J. Kappeler. Dort wird der Horse’s Neck recht simpel in seiner Zubereitung beschrieben: Nimm ein langes Stück Zitronenzeste, platziere dies in einem schmalen Glas und gebe eine Flasche kaltes, importiertes Ginger Ale hinzu. Das war es.
Denn oh welch Überraschung: Der Horse’s Neck ist am Anfang seiner Geschichte ein alkoholfreier Drink. Quasi eine Art Serviervorschlag für importiertes Ginger Ale. Die uns heute bekannte, doch recht süße und nur noch leicht würzige Limonade entsteht aus dem englischen Ginger Beer, welches seit dem 18. Jahrhundert in England durch Fermentation von Ingwer und Zucker in Wasser als alkoholisches Getränk erzeugt wird.
Ginger Ale als kohlensäurehaltige, alkoholfreie Erfrischung gibt es seit den 1850er Jahren, und es wurde in Irland erfunden. Und im Gepäck tausender Einwanderer kommt es nur kurze Zeit später in die USA und findet dort schnell seinen Weg an die Bars.
Und es ist davon auszugehen, dass der Horse’s Neck Cocktail in seiner ursprünglichen Form – Eis, Ginger Ale und die lange Zitronenzeste – als einer der ersten Promotion-Drinks der Getränkeindustrie gelten kann. Dem Ginger Ale als Produktkategorie wird es helfen, denn schließlich ist es bis heute die mengenmäßige Hauptzutat eines Drinks, der überall auf der Welt gemixt wird.
Der Pferdenacken – eine Garnitur für die Bücher
Seinen Namen hat der Horse’s Neck im Übrigen von der Zitronenzeste. Diese wird so lang gezogen, dass sie über den Glasrand hinaus hängt und an einen Pferdekopf erinnern soll. Es gibt kaum einen anderen Drink, der so eng in seinem Namen mit seiner Garnitur verknüpft ist wie der Horse’s Neck. Und dabei ist es auch noch eine der wichtigsten aromatischen Hauptkomponenten – kein Wunder, bei einem so einfachen Drink in der ursprünglichen Variante.

A Horse’s Neck with a kick – Vorhang auf für die Spirituose
Heute wird der Horse’s Neck fast überall mit amerikanischem Bourbon gemixt. Der alkoholische Teil der Geschichte des Horse’s Necks ist deutlich unergründeter als sein Ursprung.
Eine der ersten verbrieften Quellen für den Horse’s Neck in einer alkoholischen Form finden wir kurze Zeit nach Kappelers Veröffentlichung. Schon drei Jahre später – 1898 – empfiehlt Joseph L. Haywood in seinem Werk „Mixology“ dem Horse’s Neck eine gute Menge („a good sized drink“) Brandy oder Whiskey beizufügen.
Diese alkoholische Variante tauft man später „Horse’s Neck with a kick“ oder „Stiff Horse’s Neck“. Sowohl die nichtalkoholische Variante als auch die erweiterten Namen haben sich nicht durchgesetzt, und so wird der Horse’s Neck über die Jahrzehnte hinweg einfach ein alkoholischer Longdrink.
Whiskey oder Brandy – die Wahl der Eleganz
Schnell wird der Horse’s Neck populär. Kein Wunder, denn geschmacklich ist er super erfrischend und zugleich intensiv. Dennoch hat er Eleganz und eine Leichtigkeit, die ihn perfekt zu einem All-Day-Drink machen. Auch mit Alkohol.
Während heutzutage fast ausschließlich amerikanischer Bourbon im Horse’s Neck vermixt wird, ist Anfang des 20. Jahrhunderts der elegantere und fruchtigere Brandy – meistens in Form von Cognac – die Spirituose der Wahl. Auch wenn bei Haywood beides schon in der Rezeptur zur Auswahl steht, so muss man im Hinterkopf behalten, dass Whiskey damals vor allem für die einfachere Bevölkerung gedacht ist. Die feine Gesellschaft bevorzugt vor der Prohibition den aus Frankreich importierten Weinbrand. Vor allem in dieser Variante schwappt der Horse’s Neck nach Europa zurück, denn während in den USA die Prohibition Alkohol offiziell verbietet, wird Europa zu einem Kontinent der Mixgetränke.
Prohibition, Royal British Navy und der berühmteste Agent der Welt
Sicherlich wird der Horse’s Neck im Laufe der Prohibition auch fleißig mit lokalem, illegal hergestelltem Alkohol gemixt – dies wohl aber eher in zweifelhafter Qualität. Vor allem seine ursprüngliche, alkoholfreie Form ist zu Zeiten des vermeintlich noblen Experiments (so wird die Prohibition zwischen 1920 und 1933 genannt) zwangsweise eine beliebte Erfrischung, und einer der größten Fans ist der 32. Präsident der Vereinigten Staaten: Franklin D. Roosevelt. Für ihn ist der Horse’s Neck die erste Wahl, wenn der Drink in Meetings alkoholfrei sein sollte.
Alle anderen bevorzugen – zumeist hinter vorgehaltener Hand – die alkoholische Variante.
Während die Prohibition dafür sorgt, dass in den USA Whiskey zuerst illegal und mit dem Ende der Trockenzeit dann auch offiziell zur Spirituose des Drinks wird, bleibt die europäische Interpretation bei Cognac.
Eine weltweite Verbreitung findet der Horse’s Neck an Bord der Royal British Navy, wird er dort doch zum beliebtesten Drink in den Offiziersmessen und löst Gin ab. Der dortigen Beliebtheit ist es wohl auch zu verdanken, dass Ian Fleming seinem legendären Geheimagenten 007 im elften Roman der James-Bond-Reihe („Im Geheimdienst Ihrer Majestät“) den ein oder anderen Horse’s Neck trinken lässt. Wie es sich für den trinkfesten Doppelnullagenten gehört, natürlich mit einer doppelten Menge an Cognac.
Und so entwickelt sich auf beiden Seiten des Atlantiks der Horse’s Neck zu einem Klassiker der Highball- und Longdrink-Geschichte.
Meine Wiederentdeckung des Horse’s Necks
Doch wie es mit einfachen Klassikern manchmal so ist, verschwinden diese aus der Wahrnehmung. Als ich mich mit klassischen Cocktails Mitte der 2000er Jahre anfange zu beschäftigen, ist der Horse’s Neck ein fester Bestandteil der Barkarten – nur bestellen will ihn niemand. Neben den bunten Drinks mit Saft und Sirup dämmert er so vor sich hin.
Auch ich selbst benötige einige Zeit, um die Besonderheit dieses Drinks wirklich zu verstehen. Und darüber hinaus zu lieben.
Vor allem in der Cognac-Variante, die ich hier gerne mit Dir teilen möchte:
Horse’s Neck Rezeptur
- 50ml Cognac – eine einfache VS- oder VSOP-Qualität ist hier völlig ausreichend.
- 2-3 Dash Angostura Bitters
- Eine lange Zeste einer Bio-Zitrone
- Schweppes Ginger Ale
Zuerst platziert man Eis und die Zitronenzeste im Glas. Anschließend gibt man den Cognac, den Angostura Bitters und dann das Ginger Ale hinzu. Leicht mit einem langen Barlöffel verrühren und vorsorglich schon ein paar weitere Drinks vorbereiten – der erste wird schnell getrunken sein.
Mit diesem einfachen Drink habe ich in den letzten Jahren ganz oft das Thema Cognac von einer völlig entspannten Seite angefangen. Wie häufig erzählen mir Menschen, dass sie Cognac nicht mögen. Er sei ihnen zu stark. Abgesehen davon, dass mein stetes Treiben ja darin besteht, dieses Vorurteil abzubauen, ist der Horse’s Neck immer ein Drink, der die Menschen völlig überrascht. Durch seine Fruchtigkeit (vom Cognac) und die leichte Süße des Ginger Ales bekommt er in Kombination mit dem Angostura Bitters eine wundervolle Komplexität. Und die Frische der Zitronenzeste rundet diese Erfrischung perfekt ab.

Wo kommt der Bitters her im Horse´s Neck
Von der ersten Erwähnung in einer Rezeptsammlung 1895 und der Verwendung von Spirituosen 1898 dauert es nur noch zwei weitere Jahre, bis der heute noch berühmte Harry Johnson in seiner Rezeptsammlung dem Horse’s Neck ein paar Dashes Bitters (Bookers Bitters) gönnt.
Für mich ist dies geschmacklich eine sinnvolle Bereicherung, denn Bitters geben – wie Salz und Pfeffer in der Küche – der Komposition eine fabelhafte Tiefe.
Heute ist ein Horse’s Neck ohne Bitters schwer vorzustellen und der Grund, warum Du unbedingt eine Flasche des originalen Angostura Bitters in Deiner Bar haben solltest.
Cognac oder Bourbon?
Was den Cognac anbelangt, so ist es die berühmte Qual der Wahl. Doch ganz ehrlich: Hier reicht eine Standard-Qualität wie ein Hennessy VS oder – und das ist meine Wahl: ein Rémy Martin VSOP. Seine Fruchtigkeit gibt dem Horse’s Neck eine wundervolle Aromatik von Pfirsich und macht daraus einen Drink, den man ganz entspannt schon Mittwochmittag genießen kann.
Aber grundsätzlich wird ein Cognac Horse’s Neck immer auf der fruchtigen Seite liegen – dies ist einfach dieser wundervoll harmonischen Spirituose zu verdanken.
Wenn Du Lust auf etwas mehr Power, Karamell und leicht holzige Noten hast, dann probiere den Drink mit einem Bourbon aus. Auch hier ist es völlig ausreichend, eine gute Basisspirituose zu wählen. Ich empfehle da immer gerne einen Makers Mark (der ist etwas süßer) oder einen Bulleit Bourbon, wenn Du es etwas würziger magst.
Unumwunden gebe ich zu, dass ich Team Cognac bin, und ganz oft ist dieser Drink meine erste Wahl, als Starter in einen Abend oder gar als Aperitif, wenn es mal keinen Wein gibt.
Und bekanntlich liegt ja das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde – nie hat dieser Spruch mehr Sinn ergeben als mit einem kühlen Horse’s Neck in der Hand. Ob nun als Cowboy oder nicht.
Cheers.